KUTZERS CORNER

Kriegsgefahren überschatten zunehmend die Börsen 

22.02.26

Die Welt wird immer gefährlicher. Aus Krisen ist Kriegsgefahr geworden. Und die Finanzmärkte erleben nervös-uneinheitliche Schwankungen.

Wie ticken die Börsenprofis angesichts der sich immer weiter zuspitzenden geopolitischen Entwicklungen? Auf den ersten Blick sieht es aus, als blieben die Märkte (noch) relativ gelassen. Ich habe deshalb weitere Stimmen gesammelt. Doch ergeben die ähnlich wie in den Vorwochen kein klares Meinungsbild.

So schreibt mir Metzler Asset Management: Sind geopolitische Ereignisse überhaupt relevant für die Weltwirtschaft? Schlagzeilen zur Geopolitik sind nach Einschätzung von Chefvolkswirt Edgar Walk oft makroökonomisch nicht relevant. Historisch reagieren Aktienmärkte auf geopolitische Ereignisse meist nur kurz, bevor sich die Kurse wieder stabilisieren. Doch der aktuelle Anstieg des geopolitischen Risikoindikators zeigt: Das Thema ist zurück auf der Agenda. Die Ausnahme bildet der Ölmarkt. Sollte ein Konflikt, beispielsweise zwischen den USA und dem Iran, das Angebot spürbar beeinträchtigen – etwa durch Schäden an der iranischen Produktion oder Störungen in der Straße von Hormus –, droht ein negativer Angebotsschock. Höhere Energiepreise könnten Inflation und Konsum belasten und damit die Weltwirtschaft stärker treffen als erwartet.

Gemischte Signale der Wirtschaft

Neben dem Nahen Osten richtet sich der Blick in den kommenden Wochen auf Konjunktursignale: Aufschwungstendenzen in der Eurozone, widersprüchliche Signale vom US-Arbeitsmarkt und eine vorerst beruhigte Lage in Japan – bei weiterem Inflationsdruck und der Frage, wann die Bank of Japan reagieren muss.

Mehrfach wird die heimische Wirtschaftsentwicklung vergleichsweise positiv eingeschätzt: „Deutsche Konjunktur nimmt Fahrt auf,“ glaubt die Helaba. Die Unsicherheit bezüglich des „Partners“ USA hat sich infolge der Venezuela- und Grönland-Aktivitäten erhöht. Die Landesbanker haben deshalb ihre Prognose eines schwächeren US-Dollar noch etwas forciert und erwarten nun bereits für dieses Jahr ein Erreichen der Marke von 1,25 Dollar pro Euro. Darüber hinaus gilt Gold immer als eine Alternative, wenn ein sicherer Hafen gesucht wird. So rechnen die Helaba-Strategen jetzt damit, dass sich das Edelmetall 2026 über der Marke von 5.000 US-Dollar je Feinunze nachhaltig festsetzen wird. Anders als noch im vergangenen Jahr dürfte dabei die Volatilität hoch bleiben und die Preisentwicklung von Rückschlägen begleitet werden.

Geopolitische Lage nur leicht entspannt

Im Einzelnen heißt es:

- Geopolitische Lage nach „Grönland-Deal“ nur leicht entspannt, Unsicherheit bleibt hoch

- Weltwirtschaft leidet, wächst aber weiter – Anzeichen für eine Belebung des Industriezyklus

- Chinas Wachstum vom Export getragen, USA profitieren von KI-Boom und Steuersenkung

- Für Deutschland erwarten wir 2026 nach wie vor ein Wirtschaftswachstum von 1,5 %

- Vor allem der negative Außenbeitrag sorgte 2025 für das geringe Wirtschaftswachstum, denn die Binnenwirtschaft entwickelte sich deutlich besser

- Zuletzt starker Anstieg der Auftragseingänge im deutschen Verarbeitenden Gewerbe

Marktführung bei US-Aktien verschiebt sich

Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer bei Edmond de Rothschild Asset Management, sieht an den US-Börsen eine deutliche Verschiebung der Marktführung. Seit Jahresbeginn nimmt die Marktbreite zu: Die „Magnificent Seven“ bleiben hinter dem S&P 500 zurück, während insbesondere Small Caps deutlich aufholen – der Russell-2000-Index hat den S&P 500 klar übertroffen.

Nach mehreren Quartalen dominanter KI-Werte beginnt der Markt, die hohen Investitionsausgaben großer Technologiekonzerne kritischer zu hinterfragen – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Kapitalbedarfe und unsicherer Profitabilität. Gleichzeitig rückt eine zweite Entwicklung in den Fokus: Im Software-Sektor kam es zu einer scharfen, weitgehend undifferenzierten Korrektur, die vor allem Softwareanbieter jenseits der „KI-Gewinner“ erfasste. Hintergrund ist die Sorge einiger Marktteilnehmer, dass Unternehmen Künstliche Intelligenz nutzen könnten, um Software künftig stärker selbst zu entwickeln – mit potenziell sinkenden Umsätzen für etablierte Softwarehersteller.

Schwellenländer jetzt stärker gefragt

Vor diesem Hintergrund erhöht Edmond de Rothschild Asset Management das Engagement in Aktien aus Schwellenländern und Japan: Nach Jahren der Underperformance könnten Schwellenländer von der Rotation weg von den USA profitieren. Zugleich sehen die Strategen Chancen in neuen KI-bezogenen Titeln – unter anderem in China – sowie Rückenwind durch mögliche US-Zinssenkungen und steigende Metallpreise.

An den Rentenmärkten bevorzugt das Haus Finanzanleihen, Corporate Hybrids (überwiegend Investment Grade) sowie Anleihen aus Schwellenländern und fokussiert kurze bis mittlere Laufzeiten, die stärker von geldpolitischen als von fiskalischen Risiken beeinflusst werden.

„Gesunde Rotation“ am Aktienmarkt

Ähnlich klingt die aktuelle Analyse von Julius Bär: Jüngste Daten zeigen, dass die Konzentration auf Mega-Cap-Technologiewerte allmählich zurückgeht und Aktien wieder stärker in der Breite nachgefragt werden. Die Rotation hält Nenad Dinic, Equity Strategy Research, für eine gesunde Entwicklung und geht davon aus, dass sie sich weiter fortsetzen wird.

Drei Jahre lang standen US-Tech-Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung für den Großteil der weltweiten Gewinne am Aktienmarkt. Nun findet eine ebenso bemerkenswerte wie gesunde Rotation statt. Noch machen US-Aktien rund 80 % des Aktien-ETF-Universums aus, obwohl das Land nur etwa 15 % der globalen Wirtschaftsleistung stellt. Die daraus folgende Fokussierung auf US Big Tech ist zunehmend untragbar geworden.

Inzwischen verschiebt sich die Dynamik deutlich. Aktuell übertreffen 63 % der S&P-500-Unternehmen die Benchmark – das ist der höchste Stand seit 2001. Diese Ausweitung der Marktbreite spiegelt sich auch in den Kapitalflüssen wider. Laut Daten von Bloomberg verzeichneten Aktien-ETFs, die US-Titel ausschließen, allein im Januar Zuflüsse in Höhe von 39,7 Mrd. US-Dollar und damit den höchsten jemals verzeichneten monatlichen Wert. Auch ETFs für Schwellenländer-Aktien registrieren seit 15 Wochen in Folge Zuflüsse.

Darüber hinaus hat offensichtlich eine Stil-Rotation eingesetzt: Zum einen haben globale Value-Aktien seit Anfang November eine um 15 Prozentpunkte bessere Performance erzielt als Growth-Titel. Zum anderen liegen Small Caps um 9,3 % vor Large Caps. Sowohl Value als auch Nebenwerte hatten sich zuvor vier Jahre lang unterdurchschnittlich entwickelt.

Dazu Bär weiter: Wir halten diese Rotationsentwicklungen für positiv und zeitgemäß. Das Konzentrationsrisiko nimmt ab, da sich die überlaufenen Positionen in US-Tech-Titeln allmählich auflösen und Raum für Diversifizierung schaffen. Europäische Aktien etwa punkten mit einem erwarteten Gewinnwachstum von rund 8 % und besseren finanzpolitischen Rahmenbedingungen, insbesondere in zyklischen und Value-lastigen Segmenten. Wer eine Allokation in hochwertigen defensiven Anlagen – wie zum Beispiel Schweizer Aktien oder Health Care – beibehält, kann gleichzeitig für Stabilität sorgen. Auch asiatische Märkte wie Japan, Indien und China, profitieren von den Verschiebungen, ebenso wie Schwellenländeraktien generell. Solide Gewinne und die erwartete Lockerung der Geldpolitik durch die Fed dürften weiter für Rückenwind sorgen.