Stabilisierung oder weitere Eskalation?
06.04.26
Im ersten Quartal befand sich die Weltwirtschaft insgesamt noch in einer recht guten Verfassung. Bis zum Beginn des Iran-Krieges gab es keine Anzeichen einer deutlichen konjunkturellen Abschwächung. Und die Gewinnerwartungen entwickeln sich grundsätzlich positiv. Zudem darf nicht vergessen werden, dass zuletzt die Märkte in Teilen (relativ zum fundamentalen Umfeld) schon fast zu gut gelaufen waren, so dass eine Korrektur ohnehin wahrscheinlicher geworden war.
Die ab Mitte April beginnende Berichtssaison wird darüber Aufschluss geben, wie die Unternehmen durch die vergangenen Wochen gekommen sind und was sie für die nächste Zeit erwarten. In den USA sind die Gewinnerwartungen von den Unternehmensanalysten seit Beginn des Nahost-Konflikts deutlich nach oben revidiert worden. Dies betrifft nicht nur die Energieunternehmen, sondern auch den Technologiesektor und hier vor allem Unternehmen aus dem Halbleitersektor. Da deren Kurse im Laufe des ersten Quartals zum Teil deutlich nachgegeben haben, haben sich die ehemals sehr hohen Bewertungen mittlerweile wieder relativiert. Einige große Technologieunternehmen wie Meta, Microsoft und Nvidia weisen Kurs-Gewinn-Verhältnisse von um die 20 auf und sind somit – trotz deutlich besserer Gewinnaussichten – ähnlich hoch bewertet wie der Gesamtmarkt. Aus dieser Perspektive besteht aus Analystensicht kein Grund zu über großer Sorge. Dazu schreibt die M. M. Warburg & Co. Bank: „Wir behalten die Situation sehr sorgfältig im Auge, haben aber nach wie vor einen grundsätzlich positiven Blick auf die kapitalmarkttechnische Großwetterlage.“
Energiepreisschock dämpft Konjunktur
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen die deutsche Konjunktur nach einem mehrjährigen Abschwung zwar in einer Erholungsphase, erwarten aber für 2026 nur eine moderate Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 0,6 Prozent und für 2027 von 0,9 Prozent. „Der Energiepreisschock im Zuge des Iran-Krieges trifft die Erholung hart, gleichzeitig stützt aber die expansive Fiskalpolitik die Binnenwirtschaft und verhindert ein stärkeres Abrutschen“, sagt Timo Wollmershäuser, Konjunkturchef des Ifo Instituts. Die Inflationsrate wird nach Einschätzung der Institute im Jahr 2026 auf durchschnittlich 2,8 Prozent ansteigen, im Jahr 2027 auf 2,9 Prozent.
Während die gestiegene Inflation den privaten Konsum dämpft, sorgt die expansive Finanzpolitik für Impulse. Die kräftige Ausweitung der Neuverschuldung für Verteidigung, Infrastruktur und Klimaschutz stützt insbesondere Unternehmen der Verteidigungsindustrie und des Tiefbaus. Insgesamt entwickelt sich die Industrie dennoch wenig dynamisch, da deren Auslandsgeschäfte angesichts weiter abnehmender Wettbewerbsfähigkeit, hoher geopolitischer Unsicherheit und fortbestehender handelspolitischer Belastungen kaum zunehmen. Mittelfristig rechnen die Institute damit, dass das Wachstum des Produktionspotenzials in Deutschland von derzeit 0,2 Prozent bis zum Ende des Jahrzehnts vollständig zum Erliegen kommt. Neben dem demografiebedingten Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter trägt dazu nach Einschätzung der Institute die sinkende Arbeitszeit je Erwerbstätigen bei. Dies liege vor allem daran, dass die Arbeitsleistung mehr und mehr von älteren Arbeitnehmern erbracht wird, die eine unterdurchschnittliche Wochenarbeitszeit haben. Diese strukturellen Veränderungen werden am Arbeitsmarkt durch konjunkturelle Faktoren überlagert.
Die massive Neuverschuldung erhöht den Instituten zufolge das Defizit der öffentlichen Haushalte auf 3,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2026 und 4,2 Prozent im Jahr 2027; damit steigt der Bruttoschuldenstand auf 67,2 Prozent des BIP. Die Institute bewerten den fiskalischen Schub als wichtigen Konjunkturtreiber. Sie weisen jedoch auf die langfristigen Risiken für die Stabilität der Staatsfinanzen und die erheblichen Konsolidierungserfordernisse zum Ende des Jahrzehnts hin.
Inflationsanstieg erst am Anfang
Dazu passen Bewertungen von ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann zur Inflation im März: Der jüngste Anstieg von 1,9 auf 2,7 Prozent ist nach Einschätzung des Mannheimer Professors erst der Anfang. Denn: Der Sprung bei den Energiepreisen wird sich in den kommenden Monaten in viele Kalkulationen hineinfressen und zu Preiserhöhungen führen. Das Problem ist außerdem, dass Deutschland bereits vor dem Iran-Krieg mit einer hartnäckigen Inflation bei den Dienstleistungen konfrontiert war. Die neue Inflation bei Sprit und Gas trifft nun auf die alte Inflation – vom Handwerk bis zur Unterhaltungsbranche. Heinemann: „Diese Mischung wird die Inflation in Deutschland nun rasch auf drei Prozent und darüber treiben.“
Ölpreisschock lässt Konsumenten zittern
Das Wirtschaftsvertrauen im Euroraum hat sich spürbar verschlechtert. Darauf weist das Economic Sentiment der Europäischen Kommission hin. Mit 96,6 Punkten lag es im März 1,6 Punkte tiefer als im Vormonat. Der Blick auf die Teilbereiche ergibt ein uneinheitliches Bild. Die Konsumenten zeigen mit Abstand die stärkste negative Reaktion auf den Ölpreisschock. Ebenfalls stark beeindruckt war auch der Einzelhandel.
Bei den Dienstleistern gab es nur einen geringfügigen Rückgang und in der Industrie sowie in der Bauwirtschaft waren sogar leichte Verbesserungen zu verzeichnen.
Das Economic Sentiment ist im März ein Warnschuss für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Je länger der Krieg im Nahen Osten dauert, desto stärker werden die Bremsspuren. Belastungen für die europäische Wirtschaft sind bereits eindeutig vorhanden. Für das erste Quartal 2026 ist noch mit einem leichten Wachstum im Euroraum zu rechnen.
Zusätzlich zur Stärke der Preisbewegung stellt sich jedoch die entscheidende Frage nach ihrer Dauer, betonen viele Börsenexperten. Märkte und Volkswirtschaften können einen kurzfristigen Preissprung verkraften – deutlich problematischer wird es, wenn die Entwicklung anhält. Sollte der Konflikt nur von kurzer Dauer sein, könnte der Ölpreisschock für Wirtschaft und Unternehmen beherrschbar bleiben. Zieht er sich jedoch hin, wird das Bild deutlich kritischer. Märkte durchlaufen dann typischerweise mehrere Phasen.
Woche 1 bis 4: Aktien verarbeiten den Schock – die Reaktionen sind gemischt.
Woche 5 bis 8: Erste Risse werden sichtbar – das Abwärtsrisiko steigt deutlich.
Woche 9 bis 13: Die Gefahrenzone – Kursverluste treten häufiger auf und halten länger an.
Anders gesagt: Steigende Ölpreise werden zunächst als Signal für höhere Inflation und nominales Wachstum interpretiert. Mit der Zeit entwickeln sie sich jedoch zu einer Wachstumsbremse, da sie Margen und reale Einkommen belasten und gleichzeitig die finanziellen Rahmenbedingungen verschärfen.
Zu guter Letzt
Obwohl ich ein bekennender (und hartnäckiger) Optimist bin, traue ich weder Hoffnung weckenden Inflations- und Konjunkturprognosen, sondern befürchte, dass wir noch viele unsicheren Wochen vor uns haben.