KUTZERS CORNER

Den Börsen drohen noch lange gefährliche Krisen 

17.05.26 

Nach zwei starken Rückgängen in den vergangenen Monaten hellen sich die fundamentalen Wirtschaftsdaten im Mai wieder auf, bleiben aber uneinheitlich. Anlegern können die Indikatoren keinen neuen Mut machen.

Der viel beachtete ZEW-Index ist zuletzt zwar gestiegen, aber im negativen Bereich geblieben. Die Experten hoffen auf ein baldiges Ende des Iran-Kriegs. Die schwache Industrieproduktion, steigende Energiepreise und eine Inflationsrate oberhalb der 2-Prozent-Marke belasten die deutsche Wirtschaft jedoch weiterhin. Für die zweite Jahreshälfte 2026 zeichnet sich ein vorsichtiges Erholungspotenzial ab, sofern der Nahost-Konflikt abklingt und die staatlichen Konjunkturimpulse ihre Wirkung entfalten.

Ich habe am Wochenende versucht, die Stimmungslage im Umfeld der Börsen auf den Punkt zu bringen. Das ist jedoch kaum möglich, weil die Experten zu unterschiedlich und wankelmütig sind. Beispielsweise erläutern die Strategen von Allianz Global Investors: „Was uns die Konjunkturindikatoren verraten? Es lohnt sich, die Indikatoren für die konjunkturelle Dynamik genau im Blick zu behalten, denn mithilfe dieser Daten können wir die Markterwartungen kritisch überprüfen und den zu erwartenden Kurs der Zentralbanken einschätzen. Beispiel: Der US-Arbeitsmarktbericht fiel in der vergangenen Woche überraschend positiv aus.“

Gelassenheit der Märkte erstaunt Profis

Nicht selten lese ich folgende Argumente, wie von den Deka-Volkswirten: Es ist erstaunlich, mit welcher Gelassenheit die Märkte weiterhin auf den seit Ende Februar andauernden Krieg im Nahen Osten und die damit einhergehende faktische Sperrung der Straße von Hormus, der Hauptschlagader des globalen Öl- und Gashandels, reagieren. Dabei gibt es immer wieder Hoffnung verheißende Meldungen und Äußerungen von Politikern, die kurz darauf wieder zu relativieren sind. Die Lage im Nahen Osten erscheint weiterhin fragil. Doch erwirtschafteten die börsennotierten Unternehmen in den USA im abgelaufenen ersten Quartal ausgezeichnete Gewinnzuwächse, und die dortigen Aktienmärkte honorierten dies mit neuen Rekordhochs. Auch die europäischen Märkte zeigen sich vergleichsweise robust. An den Anleihemärkten sind die Renditen auf recht moderaten Niveaus geblieben, es wurden also keine stärkeren Inflationsanstiege eingepreist. Eine wirkliche Beruhigung der Lage im Nahen Osten und eine Erholung der Lieferketten wird Zeit benötigen. Bislang hört man nur vereinzelt von ersten Material- bzw. Rohstoffengpässen aufgrund der Sperrung der Straße von Hormus, beispielsweise bei Kerosin. Je länger aber der Schiffsverkehr stockt, umso spürbarer könnten die Mangelerscheinungen für die Weltwirtschaft werden. Keiner weiß genau, ob und wann die Situation kippt, aber die Sorgen nehmen zu.

Mit den Kursen steigen auch die Sorgen

Beim Thema Altersvorsorge steht meist der Vermögensaufbau im Fokus: Welche Sparrate ist nötig, welche ETFs versprechen die beste Rendite? Oft wird dabei vernachlässigt, was passiert, wenn kurz vor Rentenbeginn die Märkte einbrechen. „Um böse Überraschungen zu vermeiden und das mühsam angesparte Vermögen zu schützen, ist eine durchdachte Ausstiegsstrategie essenziell“, betont Simon Landt vom Asset Management bei M.M. Warburg.

Schwellenländer – die Gewinner der geopolitischen Krisen?

Die Schwellenländer haben die Schocks der vergangenen Jahre besser als erwartet überstanden – mit bislang nur wenigen Auswirkungen auf die Aktien- und Anleihemärkte durch die geopolitischen Erschütterungen. Trotz höherer Robustheit ist aber weiterhin die Entwicklung des US-Dollar entscheidend für die Emerging Markets. Regional bleibt das Kraftzentrum der Schwellenländer in Asien beheimatet, hier stammt der wichtigste Wachstumsimpuls aus dem Technologiesektor. Lateinamerika dagegen könnte für Anleiheinvestoren zur interessantesten Region werden aufgrund der dortigen Geldpolitik, flexiblen Wechselkursen und der zum Teil günstigen Rohstoffpositionierung. In den USA lässt sich derzeit noch nicht abschätzen, wie die Fed unter dem designierten neuen Notenbank-Präsidenten Kevin Warsh agieren wird, zumal bei der hohen US-Inflation kaum Spielraum für Leitzinssenkungen besteht. In der Eurozone dürften die Veröffentlichungen der Einkaufsmanagerindizes und des Konsumentenvertrauens sowie der Ifo-Index zeigen, wie schlecht es um das Wachstum bestellt ist.

Zu guter Letzt

Und worauf ist kurzfristig zu achten? Dazu schreibt die Helaba in ihrem „Was ist gerade auf dem Radar?": Die Inflation sorgt weltweit für steigende Anleiherenditen und setzt die Rentenmärkte unter Druck. Trotz eines schwierigen Umfelds halten sich die Aktienmärkte noch stabil, doch der Energiepreis- und Teuerungsschock dürfte die Realwirtschaft bald stärker treffen. Für die Notenbanken – allen voran den neuen Fed-Chef Kevin Warsh – wächst damit der Handlungsdruck.

Vernachlässigen Sie nicht, geschätzte Anleger, dass Konflikte, Krisen und Kriege rund um den Globus zusammentreffen mit Folgen für das nationale Geschehen. Denn dazu kommen Regierungskrisen, welche die westlichen Demokratien vor allem in London, Berlin und Washington gefährden. Deshalb befürchte ich, dass die Börsen im zweiten Halbjahr noch stärker erschüttert werden können. Ängstliche unter Ihnen sind deshalb gut beraten, wenn sie sich mit größeren Aktienkäufen bis auf weiteres zurückhalten.