Die Qual der Wahl
13.09.26
Wollen Sie jetzt wirklich investieren? Meine skeptische Einstellung gegenüber den Finanzmärkten hat sich zu Beginn des dritten Quartals noch verstärkt. Entscheidend ist das ganze Bündel von Belastungen und Unsicherheiten im Umfeld der Börsen.
Die Politik hat schon seit Wochen die Märkte begleitet – die Kursentwicklung selbst aber nur am Rande bewegt. Nach meiner Beobachtung dominiert sie mittlerweile das Geschehen und erlaubt keine konkreten Prognosen mehr. Das gilt sowohl für die Aktienmärkte, als auch für Anleihen und Währungen. Gerade die Erfahrung der ersten Septembertage bremsen die Anlagebereitschaft international, jetzt aber auch bei uns. Ich warne davor, dass zu verdrängen!
Politik wird wichtiger als Konjukturdaten
Das Dilemma beginnt schon bei der üblichen Frage nach der Alternative. Bargeld und kurzlaufende Anleihen bieten wieder Erträge, doch Inflation, Währungsschwankungen und politische Eingriffe können den realen Gewinn rasch aufzehren. Aktien versprechen langfristig mehr, sind aber vielerorts teuer und reagieren empfindlich auf jede neue Schlagzeile. Eine breite Streuung bleibt zwar vernünftig, schützt jedoch nicht vor einem Schock, der gleichzeitig Energie, Handel, Zinsen und Wechselkurse trifft. Genau diese Gleichzeitigkeit macht die heutige Lage so unangenehm.
Alle blicken auf Inflation und Zinspolitik der Amerikaner
Beginnen wir mit den USA, dem bekanntlich wichtigsten Kapitalmarkt der Welt. Dort treffen eine sprunghafte Handelspolitik, hohe Staatsdefizite und eine hartnäckige Teuerungsdebatte auf bereits anspruchsvolle Bewertungen. Neue oder veränderte Zölle können Lieferketten, Margen und Verbraucherpreise binnen kurzer Zeit verschieben. Zugleich ist unklar, wie viel Spielraum die Notenbank besitzt: Senkt sie die Zinsen zu früh, droht ein neuer Inflationsschub; hält sie sie zu lange hoch, steigen die Belastungen für Immobilien, Konsum und schwächere Unternehmen. Hinzu kommt die starke Konzentration der Börsengewinne auf wenige große Technologie- und KI-Konzerne. Deren Wachstumsgeschichte ist beeindruckend, aber ein Enttäuschungsmoment könnte den gesamten Markt erfassen. Auch der Dollar ist kein einseitiger Schutz: Er profitiert in Krisen, kann europäische Anleger bei einer politischen oder fiskalischen Vertrauenskrise aber ebenso empfindlich treffen.
Probleme auch in China
China liefert ein anderes, nicht minder schwieriges Bild. Die zweitgrößte Volkswirtschaft wächst weiterhin, doch die Zusammensetzung des Wachstums ist problematisch. Der Immobiliensektor bleibt angeschlagen, fallende oder stagnierende Preise drücken auf das Vermögen der Haushalte, und der Konsum kommt nur schleppend voran.
Gleichzeitig kämpfen viele Branchen mit Überkapazitäten und Preisdruck. Für Investoren bedeutet das: Gute Exportzahlen garantieren noch keine steigenden Unternehmensgewinne. Staatliche Eingriffe, eine begrenzte Transparenz und der Konflikt mit den USA um Technologie, Zölle und strategische Lieferketten erhöhen den Risikoabschlag. Selbst attraktive Bewertungen können zur Falle werden, wenn die Regeln für einzelne Branchen kurzfristig geändert werden oder geopolitische Spannungen den Zugang zu Kapital und Absatzmärkten erschweren.
Situation im Nahen Osten weiter kritisch
Im Nahen Osten geht es nicht nur um regionale Börsen. Dort entscheiden Konflikte über den Preis und die Verfügbarkeit von Öl und Gas sowie über zentrale Schifffahrtswege. Störungen an der Straße von Hormus, im Roten Meer oder am Suezkanal verteuern Transporte, Versicherungen und Energie. Das trifft europäische Industrieunternehmen ebenso wie asiatische Importeure und amerikanische Verbraucher. Ein längerer Preisschock könnte die Inflation erneut anheizen und Notenbanken zu einem strengeren Kurs zwingen. Dann würden gleichzeitig Anleihen, zinssensible Aktien und konjunkturabhängige Titel unter Druck geraten. Besonders heikel ist, dass Märkte militärische Eskalationen kaum zuverlässig bewerten können: Schon ein einzelnes Ereignis kann vermeintlich sichere Kalkulationen über Nacht entwerten.
Auch Europa garantiert keine Sicherheit
Europa schließlich steht zwischen diesen Machtblöcken und Krisenherden. Die Region ist besonders abhängig von Energieimporten und offenem Welthandel. Deutschland leidet zusätzlich unter schwacher Industrie, hohen Standortkosten, schleppenden Genehmigungen und der kostspieligen Transformation wichtiger Branchen. Frankreich und Italien tragen hohe Staatsschulden, während politische Fragmentierung Reformen erschwert. Gleichzeitig muss Europa mehr für Verteidigung, Infrastruktur und Energieversorgung ausgeben. Das kann langfristig Chancen schaffen, kurzfristig aber Haushalte belasten und neue Verteilungskonflikte auslösen.
Unberechenbarkeit auch durch Deutschland
Besonders Deutschland verunsichert die Märkte derzeit durch eine Politik, deren Richtung trotz angekündigter Reformen nicht verlässlich genug erscheint. Die schwarz-rote Koalition steht unter erheblichem öffentlichem Druck, während über Steuern, Sozialausgaben, Bürokratieabbau und die Finanzierung der nötigen Infrastruktur weiter gerungen wird. Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt hat diese Unsicherheit noch verstärkt. Anleger fürchten eine wachsende politische Polarisierung und unberechenbare wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, die Investitionsentscheidungen zusätzlich verzögern könnten. Viele Unternehmen und deren Verbände gehen seit einigen Tagen laut auf die Barrikaden. Inzwischen werden immer mehr Zweifel laut, dass die aktuelle Koalition noch länger Bestand haben wird. Das gilt ebenso für die Amtsdauer von Friedrich Merz als Bundeskanzler.
Zu guter Letzt
Was also tun? Ich halte nichts von panischer Flucht aus allen Märkten. Aber ebenso wenig überzeugt mich die Hoffnung, dass jede Krise schon bald wieder von reichlich Liquidität überdeckt wird.
Die Qual der Wahl besteht deshalb nicht zwischen Risiko und Sicherheit. Sie besteht zwischen unterschiedlichen Risiken, deren Verhältnis sich laufend verändert. Amerika bietet Dynamik, aber politische und fiskalische Unberechenbarkeit. China lockt mit Größe und niedrigen Bewertungen, doch Immobilienkrise, Deflationsdruck und staatliche Eingriffe bleiben schwer kalkulierbar. Der Nahe Osten bedroht Energieversorgung und Transportwege. Europa ringt mit Wachstum, Schulden, Wettbewerbsfähigkeit und politischer Geschlossenheit.
In einer solchen Gemengelage ist Geduld keine Feigheit, sondern eine Anlageentscheidung. Chancen wird es geben – nur sollte niemand so tun, als ließen sie sich derzeit ohne ungewöhnlich große Unsicherheit erkennen. Wer investiert, muss Rückschläge aushalten können. Wer das nicht kann, sollte warten.