KUTZERS CORNER

Anleger sollten jetzt in Europa bleiben

18.01.2026 

Viele Privatanleger wollen jetzt keine strategischen (= langfristigen) Weichenstellungen vornehmen. Kann ich gut verstehen. Denn die Welt gerät immer mehr aus den Fugen.

Investmentprofis fällt es erkennbar schwer, Chancen und Risiken der einzelnen Anlageklassen auseinander zu halten. Klare Perspektiven sind nirgendwo zu erkennen – jedenfalls nicht ohne Einschränkungen.

In ihrer jüngsten Analyse heißt es bei Morningstar als wichtige Erkenntnisse:

· Das Wirtschaftswachstum bleibt verhalten, wird sich jedoch voraussichtlich bis 2027 allmählich verbessern.

· Die Energiemärkte bewegen sich von Krisenmanagement hin zu einem strukturellen Wandel.

· Aktien in Europa sind weiterhin günstiger als ihre US-Pendants und profitieren von der makroökonomischen Erholung, moderater Inflation, niedrigen Zinsen und höheren Ausgaben.


Die Rezessionsängste lassen nach

Die europäischen Märkte starten positiv in das Jahr 2026: Die Rezessionsängste haben sich verringert, die Inflation liegt nahe den Zielen der Zentralbanken und die Konjunkturpakete beginnen sich in der Realwirtschaft bemerkbar zu machen, während mehrere europäische Vermögenswerte weiterhin zu moderateren Bewertungen gehandelt werden als ihre US-Pendants.

Da sich die Bewertungen jedoch ihrem Zweijahreshoch nähern, werden Aktienanleger zunehmend kritischer und wägen die sich verbessernden Wachstumsaussichten gegen höhere Anleiherenditen und geopolitische Risiken ab. Das KI-Narrativ, das die Märkte 2025 geprägt hat, dürfte auch 2026 eine dominierende Rolle spielen. Investoren richten ihren Blick zunehmend darauf, wo sich die tatsächliche Nutzung von KI in steigende Unternehmensgewinne übersetzen lässt. Morningstar hat fünf Signale identifiziert, die hierfür Hinweise liefern.

Eurozone: Frühindikatoren signalisieren Belebung

Schon seit April 2025 ist in der Eurozone eine zwar langsame, aber stetige Verbesserung der eher wenig beachteten Frühindikatoren wie dem Economic Sentiment Index und den OECD Leading Indicators zu beobachten. Ende Dezember signalisierten sie ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,5 Prozent – ein Wert, der über der Bloomberg-Konsensus-Schätzung von 1,2 Prozent liegt.

Die Konjunkturdaten bestätigen das positive Bild. So stieg die Industrieproduktion im Euroraum im November um 0,7 Prozent gegenüber Vormonat. Trotz der erheblichen monatlichen Schwankungen zeigt der Grundtrend damit klar nach oben, getragen vor allem von Deutschland und Italien. Die Quartalsdynamik zeigt es sogar noch eindrücklicher: Die durchschnittliche Industrieproduktion (ex Bau) im Oktober und November lag bereits 3,6 Prozent p.a. über dem Durchschnitt des 3. Quartals.

Aber die Strukturprobleme bleiben

Ähnlich klingt es bei M.M. Warburg: Unsere Wirtschaft wächst wieder, aber Strukturprobleme bleiben. Die deutsche Wirtschaft ist 2025 leicht gewachsen. Das reale Bruttoinlandsprodukt lag nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes um 0,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Die seit mehreren Jahren anhaltende Wachstumsschwäche ließ sich aber auch im vergangenen Jahr nicht abschütteln; zu schwer wiegen die strukturellen Probleme. So befindet sich das verarbeitende Gewerbe im dritten Rezessionsjahr in Folge, da vor allem die Automobilindustrie und der Maschinenbau, in geringerem Ausmaß aber auch die Chemieindustrie und andere energieintensive Industriezweige schwächeln.

Diese Kernbereiche der deutschen Exportwirtschaft leiden insbesondere unter den höheren US-Zöllen. Nach unseren Berechnungen ist der Überschuss im Handel mit den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr auf gut 53 Milliarden Euro gesunken (Daten bis November 2025) nachdem er 2024 noch bei fast 70 Milliarden Euro gelegen hatte. Allein dies hat das deutsche BIP um rund 0,4 Prozentpunkte gedrückt. Positive Wachstumsbeiträge haben 2025 nur die privaten und die staatlichen Konsumausgaben erzielt. 2026 wird die deutsche Wirtschaft mit rund einem Prozent etwas stärker wachsen – der expansiveren Fiskalpolitik und der größeren Zahl an Arbeitstagen sei Dank. Die entscheidende Frage ist für die Banker allerdings, wie schnell neue Schulden tatsächlich aufgenommen und „unter die Leute“ gebracht werden können.

US-Aktien fundamental attraktiver?

Doch gibt es von namhaften Analysten auch andere Einschätzungen: Betrachtet man die fundamentalen Argumente, spricht laut Warburg vieles dafür, dass börsennotierte US-Unternehmen gegenüber europäischen Firmen attraktiver einzuschätzen sind. Die dynamischere Wirtschaftsentwicklung in den USA sollte auch zu einem stärkeren Gewinnwachstum führen. Vergleicht man die Analystenschätzungen für die Blue-Chip-Indizes, fällt allerdings auf, dass die für dieses Jahr erwarteten Steigerungsraten für „große“ deutsche und US-Aktien mit etwa 15 Prozent fast identisch sind. Für Unternehmen aus der Eurozone bzw. aus Europa sind sie dagegen mit elf und acht Prozent um einiges niedriger. Einschränkung: Die Prognosen für deutsche Blue Chips hält Warburg allerdings für überambitioniert – so wie schon in der Vergangenheit. Letztes Jahr startete man mit der Erwartung eines Zuwachses von rund zehn Prozent, das Jahr davor mit sieben Prozent; tatsächlich traten die Gewinne mehr oder weniger auf der Stelle. Das dürfte sich zwar dieses Jahr nicht wiederholen, der Zuwachs wird aber eher im prozentual einstelligen Bereich liegen. Bessere Ergebnisse wären dann denkbar, wenn der Russland-Ukraine-Krieg enden würde; dies erwarten die Banker aber nicht. In den USA hält M.M. Warburg die Gewinnprognosen dagegen für erreichbar. Die gerade begonnene Berichtssaison für das vierte Quartal 2025 zeigt wie üblich viele positive Gewinnüberraschungen, sodass die Erwartungen nach oben korrigiert werden. Insofern „heilt“ die starke Gewinndynamik auch die höhere Bewertung von US-Aktien, vor allem im Technologiebereich, wo Gewinnzuwächse von 20 (Nasdaq) bzw. fast 50 Prozent (SOX Halbleiteraktien) prognostiziert werden.

Zu guter Letzt

Vielleicht fällt auch Ihnen auf, geschätzte Leser, dass die Bewertung der geo- und wirtschaftspolitischen Risiken durch Finanzanalysten kein zentrales Anlegerthema ist. Ich sehe das anders. Das Chaos rund um den Globus wird in diesem Jahr unberechenbar groß und über kurz oder lang auch die Börsen und das Anlageverhalten beeinflussen. Ich halte es also für sinnvoll, erst einmal keine gravierenden Änderungen im Portfolio vorzunehmen. Meine Empfehlung: Halten Sie sicherheitshalber an Ihren Positionen in Gold, Silber und Industriemetallen fest!