Vorsicht mit neuen Aktienkäufen
12.07.26
Wundern Sie sich nicht, wenn „ein ewiger Optimist“ zunehmend vorsichtig wird und bis auf weiteres vor weiteren Aktienkäufen warnt. Denn politisch und wirtschaftlich wird das zweite Halbjahr völlig unberechenbar.
Die vergangene Woche hat mehr denn je verdeutlicht, wie dicht Chancen und Risiken mittlerweile zusammenliegen. Das der Dax sich erneut als widerstandsfähig erwiesen hat, sollte Sie nicht ermutigen. Börsenanalysten kommen auch nicht zu einheitlichen Urteilen und Prognosen. Selektive Engagements an europäischen Aktienmärkten bleiben zwar auf der Agenda, sind jedoch keine eilige Empfehlung.
Dreht die Inflationsflut noch rechtzeitig?
Routinierte Analysen beschäftigen sich nach wie vor mit der Unsicherheit, die von der Geldwertentwicklung ausgeht. So schreibt mir Sean Shepley von Allianz Global Investors:
Die Einschätzung der Finanzmärkte zu den Inflationsfolgen des Konflikts zwischen den USA und Iran hat in den vergangenen Wochen bereits mehrere Phasen durchlaufen. Zunächst richtete sich der Blick vor allem auf die Auswirkungen steigender Energiepreise auf die Gesamtinflation sowie auf jene Zentralbanken, die besonders sensibel auf Abweichungen von ihrem Inflationsziel reagieren. Im Mittelpunkt stand dabei die Europäische Zentralbank (EZB). Die von der EZB veröffentlichten Szenarien wiesen auf erhebliche Aufwärtsrisiken für die Energiepreise und damit für die Gesamtinflation hin. Zudem bestand die Sorge, dass höhere Energiekosten mit zeitlicher Verzögerung auch auf die Kerninflation übergreifen könnten. Da die EZB signalisiert hatte, bereits bei einem Anstieg der Gesamtinflation zügig reagieren zu wollen, verstärkten sich an den Märkten die Erwartungen steigender Leitzinsen.
Inzwischen hat sich der Fokus erneut verschoben. Im Vordergrund stehen nun die Entwicklung der Kerninflation und die Frage, ob tatsächlich neue Inflationsimpulse entstehen. Seit dem zwischen den USA und Iran vermittelten Waffenstillstand haben sich die Energiepreise deutlich entspannt. Gleichzeitig fielen die Inflationsdaten im Euroraum für Juni überraschend schwach aus – sowohl bei der Gesamt- als auch bei der Kerninflation. Obwohl die EZB im Frühjahr in ihrem Basisszenario noch zwei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte in Aussicht gestellt hatte, sprechen die jüngsten Daten aus unserer Sicht gegen einen Zinsschritt auf der Juli-Sitzung. Wahrscheinlicher erscheint, dass die Währungshüter zunächst die weitere Entwicklung bis September beobachten werden.
Kapitalgedeckte Altersvorsorge soll Europa stärken
Zu den wenigen Aussichten, die von den Profis weitgehend einheitlich (und positiv) beurteilt werden, gehört die Veränderung bei der kapitalgedeckten Altersvorsorge. Die DVFA Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management begrüßt, ähnlich wie andere Institutionen, die mittlerweile erfolgten Beschlüsse. Diese gelten zurecht als wichtige flankierende Maßnahme und als ein langfristiges Signal für Wirtschaft und Kapitalmarkt.
Neben der Anlage von Vorsorgegeldern besteht ein weiteres Ziel darin, die entstehenden Mittelflüsse mit der Realwirtschaft zu verzahnen. Auf europäischer Ebene hat sich hierfür der Begriff der „Spar- und Investitionsunion“ (SIU) etabliert. Ziel muss es sein, einen breiten und tiefen europäischen Kapitalmarkt zu entwickeln, der für Unternehmen eine attraktive und verlässliche Finanzierungsquelle darstellt. Dadurch könnten auch wieder mehr Unternehmen für einen Börsengang gewonnen werden.
„Kontinuierliche Mittelzuflüsse in die Märkte sind von großer Bedeutung. Sie schaffen eine erhöhte Finanzierungssicherheit und geben Unternehmen die Möglichkeit, über die Aufnahme von Kapital Investitionen und Innovationen umzusetzen und neue Arbeitsplätze zu schaffen“, erklärt Thorsten Müller, Vorstandsvorsitzender der DVFA.
Die derzeitige Ausgestaltung der staatlich geförderten kapitalgedeckten Altersvorsorge berücksichtigt diese realwirtschaftliche Funktion des Kapitalmarktes allerdings nur eingeschränkt.
Welche Aktien können langfristig profitieren?
In die gleiche Richtung argumentieren die internationalen Finanzanalysten von Morningstar:
Nach Jahren schwachen Wirtschaftswachstums will die Bundesregierung mit einem umfassenden Reformpaket den Investitionsstandort Deutschland wieder attraktiver machen. Ein Blick auf die möglichen Folgen für Wirtschaft und Aktienmarkt.
Erst die Rentenreform, nun Steuersenkungen, weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitsmärkte und schnellere Genehmigungsverfahren: Mit 34 Maßnahmen will die Bundesregierung Deutschlands Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringen. Für Anleger stellt sich die Frage, ob die Reformen tatsächlich neues Wachstum auslösen können – und welche Unternehmen davon langfristig profitieren dürften.
Bei Bekanntgabe des Reformpakets am 2. Juli markierte der Dax ein neues Rekordhoch, auch der Morningstar Germany Index erreichte neue Höchststände. Allerdings dürfte die Börsenstimmung eher von robusten US-Arbeitsmarktdaten gestützt worden sein, wie Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater anmerkt. Seit Jahresbeginn liegt der Morningstar-Index, der die Performance der größten 97 Prozent des deutschen Aktienmarkts nach Marktkapitalisierung abdeckt, über 5 Prozent im Plus.
Kann das Reformpaket Investitionen anreizen?
Für die Ökonomen von Deutsche Bank Research ist die Verbesserung der Investitionsbedingungen der wichtigste Bestandteil des Pakets. Bereits die Reform der Schuldenbremse und die milliardenschweren Sondervermögen hätten einen historischen Wendepunkt markiert. Nun könnten die Reformen dafür sorgen, dass auf öffentliche Investitionen auch private Investitionen folgen.
“Obwohl die inzwischen klar expansive Fiskalpolitik die öffentlichen Investitionen in den Mittelpunkt gerückt hat, entfällt mit rund 80 Prozent nach wie vor der Löwenanteil der gesamten Anlageinvestitionen auf den privaten Sektor”, schreibt Mark Schattenberg, Senior Economist bei Deutsche Bank Research. “Dennoch dürften öffentliche Investitionen positive Spillover- und Netzwerkeffekte erzeugen und dadurch auch private Investitionen unterstützen.”
Zu guter Letzt
Ich muss zugeben, dass ich den eindeutig optimistischen Vorhersagen nicht mehr traue. Die politischen Irritationen in aller Welt sind die größte Gefahr – sie sind vor allem unberechenbar. War bisher vor allem das Thema Globalisierung und die damit verbundene Angst vor einer weiteren Zuspitzung im Nahen Osten und dem Ukrainekonflikt im Vordergrund, so müssen nun auch die Kapitalanleger erkennen, dass die nationale Politik ein großer Unsicherheitsfaktor geworden ist. Auch der Dax droht nach dem Verlauf der vergangenen Woche an Widerstandskraft zu verlieren.