Zwischen Konjunkturimpuls und Börsenblase
05.07.26
Was kommt im Herbst auf uns zu? Die Reaktionen der Wirtschaft auf das neue Reformpaket der Regierung sind stark uneinheitlich, überwiegend aber hoffnungsvoll. Ich habe Stimmen namhafter Strategen gesammelt, wie sie die weiteren Chancen und Risiken einschätzen.
Reformpaket kann Deutschlands Wachstum stärken
In einem Kommentar von Metzler Asset Management lese ich am Wochenende: Das Reformpaket der Bundesregierung ist ein Schritt in die richtige Richtung. Deutschlands Wachstumsschwäche ist zwar maßgeblich eine Folge des unfairen Wettbewerbs aus China, es gibt aber auch hausgemachte Probleme: zu viel Bürokratie, hohe Energie- und Arbeitskosten, schwache Investitionsanreize und steigende Sozialbeiträge. So ist Deutschlands reales BIP seit Ende 2019 kaum gewachsen, während private Investitionen ohne Wohnungsbau seitdem sogar um 12 Prozent gefallen sind. Unser gesamter Wohlstand basiert aber auf vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Investitionen privater Unternehmen.
Daher hilft alles, was den Investitionsstandort Deutschland attraktiver macht. Der wichtigste Teil des Pakets ist die Rentenreform. Weniger Frühverrentung, ein demografischer Faktor, ein späteres Rentenalter und eine kapitalgedeckte Zusatzrente können das System langfristig stabilisieren.
Kurzfristig bleibt aber ein Problem: Die neue Kapitalrente erhöht zunächst die Belastung von Beschäftigten und Unternehmen, während die Einsparungen erst später wirken. Die Renten-, Pflege- und Gesundheitsreformen können das Vertrauen der Bevölkerung in die Zukunftsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme stärken und damit den Konsum beleben.
Wie entwickelt sich die Energieversorgung?
Die Weltwirtschaft hat im ersten Halbjahr 2026 einen erneuten extremen Test auf Belastbarkeit und Flexibilität bestanden, schreiben die Deka-Analysten. Der Krieg im Nahen Osten hat weder die Konjunktur noch die Kapitalmärkte spürbar beeinträchtigt. Zwar bleibt der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus nach wie vor eingeschränkt, und trotz des Interim-Abkommens zwischen den USA und dem Iran besteht nach wie vor das Risiko einer weiteren gravierenden militärischen Eskalation. Doch gehen wir in unserem Hauptszenario davon aus, dass sich die globale Energieversorgung in der zweiten Jahreshälfte sukzessive normalisieren wird.
Der Rohölpreis ist im Verlauf des Juni spürbar gesunken. Vor diesem Hintergrund haben sich die Sorgenfalten in Bezug auf die Inflation bei vielen Marktteilnehmern wieder etwas
geglättet. Für die Notenbanken bleibt das Umfeld dennoch schwierig. Da sind zum einen die Unsicherheiten, inwieweit die hohen Energiepreise des zweiten Quartals durch die Produktionsketten der Unternehmen bis zu den Verbraucherpreisen weitergereicht werden, und zum anderen die hartnäckige Dienstleistungspreisinflation, die in vielen Ländern einfach nicht sinken will. Der Druck für Leitzinserhöhungen ist zwar insgesamt etwas geringer geworden, die Zentralbanker bleiben jedoch wachsam und handlungsbereit. Speziell in den USA richtet sich der Blick auf die bis dato überraschend stabilen Arbeitsmarktberichte und die daraus resultierenden Inflationsrisiken – und natürlich auch auf die Kommunikation des neuen Notenbankchefs Warsh.
Fügt man alles zusammen, dürfte die Weltwirtschaft auch in der zweiten Jahreshälfte moderat wachsen, glauben optimistische Marktteilnehmer, da wohl nun doch kein allzu starker geldpolitischer Gegenwind aufkommt. Die Unternehmen werden trotz diverser geopolitischer Unwägbarkeiten ihre Umsätze und Gewinne steigern können. Folglich stehen die Zeichen gut, dass sich sowohl die Aktien- als auch die Rentenmärkte und damit auch breit diversifizierte Wertpapierportfolios im weiteren Jahresverlauf freundlich entwickeln werden.
Aktienmarkt bisher relativ unbeeindruckt von den Krisenherden
In einer Studie konkretisieren Investmentmanager der Helaba, wie der Anleger Aktienmarktblasen identifizieren kann. Aktien konnten in den vergangenen Jahren in einem von handels- und geopolitischen Konflikten geprägten Umfeld zum Teil traumhafte Kursgewinne verbuchen. Titel mit Bezug zum Mega-Thema Künstliche Intelligenz (KI bzw. AI) belegen auf den Performanceranglisten die vordersten Plätze. Entsprechend reüssierten die Indizes mit einem hohen Gewicht von Technologietiteln.
Gerade hierzulande standen nicht wenige Anleger angesichts der allgegenwärtigen Unsicherheit dabei an der Seitenlinie. Diese dürften sich fragen, ob und wann sich der Einstieg lohnt. Dagegen denken bereits seit längerem Investierte über Gewinnmitnahmen nach. Die jüngsten enormen Kursschwankungen bei Technologietiteln könnten ein erstes Wetterleuchten bedeuten. Schließlich macht schon seit geraumer Zeit das Wort von der KI-Blase die Runde.
Meist erkennt man Blasen erst dann, wenn sie platzen. Schließlich liegt es in der Natur von Übertreibungen, dass sich die Preise von einem „angemessenen Niveau“ entfernen. Wie stark und wie lange, ist kaum zu quantifizieren. Allerdings gibt es Warnsignale, die auf das Ent- oder Bestehen einer Spekulationsblase hinweisen:
• Rasante Kursanstiege in kurzer Zeit
• Konzentration auf ein „Zukunftsthema“
• Risiken werden ausgeblendet, Euphorie
• Hoher Anteil kreditfinanzierter Aktienkäufe
• Viele Börsengänge (IPOs)
• Extrem hohe Bewertungen
Nur auf den ersten Blick blasenverdächtig
Grundsätzlich bringt das Thema Künstliche Intelligenz alles mit, was man für ein spannendes Drehbuch über Spekulationsblasen benötigt. Gegenwärtig sind jedoch von sechs Kriterien höchstens drei erfüllt. Das aus Sicht der Helaba wichtigste Indiz für eine Überhitzung, nämlich eine extrem hohe Bewertung, ist im Technologiesektor derzeit nicht zu beklagen:
• Rasante Kursanstiege in kurzer Zeit (✓)
• Konzentration auf ein „Zukunftsthema“ (✓)
• Risiken werden ausgeblendet, Euphorie (-)
• Hoher Anteil kreditfinanzierter Aktienkäufe (-)
• Viele Börsengänge (IPOs) (-/✓)
• Extrem hohe Bewertungen (-)
Auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt unangemessen wäre, von einer Blase am Aktienmarkt zu sprechen, gilt es wachsam zu bleiben. Die Bewertungsniveaus auf Gesamtmarktebene sind nicht nur in den USA hoch und nur zu rechtfertigen, wenn die Unternehmensgewinne weiterhin kräftig zulegen. Dies ist jedoch keine ausgemachte Sache. Gerade in den Bereichen, die bislang stark von Investitionen rund um das Thema Künstliche Intelligenz profitiert haben, sollte das Gewinnwachstum nicht einfach fortgeschrieben werden. Außerdem wäre es ungewöhnlich, wenn es bei einer derartigen technologischen Revolution nicht auch zu Überinvestitionen und Fehlallokationen kommen würde. Mittelfristig ist damit zu rechnen, dass die Vorteile vom Einsatz Künstlicher Intelligenz in andere Wirtschaftszweige in Form von Effizienzsteigerungen und Kosteneinsparungen diffundieren