Wenn im Herbst nicht nur die Blätter fallen
07.06.26
Kann man den Aktienmärkten noch trauen? Momentan sieht es noch so aus. Die politischen Entwicklungen lassen aber Zweifel am weiteren Kursverlauf aufkommen. Deshalb sollten betont vorsichtige Anleger jetzt zurückhaltend agieren.
Internationale Investment Manager werden nach meiner Beobachtung zunehmend vorsichtiger – die kommenden Monate könnten das Geschehen an den führenden Börsen empfindlich eintrüben. Ich zweifle jedenfalls an einer breit angelegten Fortsetzung des positiven Trends vom ersten Halbjahr.
Starke Gewinndynamik unterstützt neues Rekord-Hoch
Wie die Wiener Erste Group Bank betont, ist die Konsensus-Prognose für die Umsätze und Gewinne der Unternehmen für 2026 deutlich angestiegen. Demnach werden die Umsätze der Unternehmen des globalen Aktienmarktindex um +12% wachsen und die Gewinne um sehr hohe +25% ansteigen.
Die Aussichten für das Gewinnwachstum in den kommenden Quartalen sind sowohl für US-amerikanische als auch für europäische Unternehmen positiv, heißt es in jüngsten Analysen bullischer Strategen. Für US-Unternehmen liegen die Konsensschätzungen für das Gewinnwachstum im 2. Quartal bei +21% und im 3. Quartal bei +24% im Jahresvergleich. Für die europäischen Unternehmen wird ein Gewinnwachstum von +14% im 2. Quartal und um +15% im 3. Quartal erwartet.
Noch ist die konjunkturelle Großwetterlage günstig
Mut machen auch die Strategen von Allianz Global Investors. Ihre Einschätzung sieht wie folgt aus:
Die konjunkturelle Großwetterlage mit widerstandsfähigem Wachstum und bemerkenswerter Gewinnentwicklung spricht immer noch für eine breite, regional wie sektoral diversifizierte Übergewichtung von Aktien, auch wenn sich die Risikoeinschätzung jederzeit verschlechtern könnte.
Die Aktienmärkte werden weiter stark durch den Technologiesektor dominiert. Ohne Künstliche Intelligenz und dazugehörige Technologie-Lieferketten sähe das Wirtschafts- und Gewinnwachstum in den USA aber auch in Asien und bei ausgewählten europäischen Zulieferern deutlich schwächer aus. Spannend werden die nächsten Wochen durch eine Reihe an IPOs.
Regional scheint am US-Aktienmarkt derzeit kein Vorbeikommen zu sein. Schwellenländer-Aktien bleiben aus verschiedenen Gründen attraktiv: Im Index stark repräsentierte asiatische Märkte wie Korea und Taiwan profitieren vom KI-Boom, einige lateinamerikanische Märkte durch Öl- und Rohstoffexporte und Osteuropa durch eine starke Entwicklung in Polen und Verbesserungspotential nach der Wahl in Ungarn. Europa ist stärker als andere Regionen vom Iran-Krieg belastet, es bestehen aber weiterhin positive Optionalitäten in Bezug auf Strukturreformen und Fiskalstimulus.
Risikobereitschaft an den Börsen dürfte abnehmen
Differenziert ist die Einschätzung des Helaba Research: Fortschritte im Iran-Konflikt lassen weiter auf sich warten, weshalb der Preis für Brentöl sich wieder der Marke von 100 US-Dollar nähert, nachdem es in der Vorwoche eine kurze Entspannungsphase gegeben hatte. An den Finanzmärkten indes sorgt die fortwährende Kriegsunsicherheit immer weniger für eine Zunahme der Risikoaversion. Aktien weisen überwiegend eine solide Wochenperformance auf, auch dank fortgesetzter KI-Fantasie, während Renten aufgrund bestehender Inflationssorgen leichte Kursverluste verzeichneten.
Erschwerend für die Geldpolitik kommt hinzu, dass US-Präsident Trump in eine neue Zolloffensive geht, was zusätzliche preistreibende Effekte verursachen dürfte. In der Berichtswoche stehen die US-Verbraucherpreise für den Mai zur Veröffentlichung an. Erneut ist mit einem spürbaren Vormonatsanstieg zu rechnen, der die Teuerungsrate über 4 % befördern dürfte.
EZB: Zinsanhebung voraus
Die weiterhin unklare geopolitische Lage und der jüngste Inflationsanstieg dürften eine Reaktion der EZB nach sich ziehen. Weitere Zinsanhebungen sind jedoch nicht ausgemacht. In der kommenden Woche wird der EZB-Rat seine neuen volkswirtschaftlichen Projektionen und Szenarien vorstellen. Vermutlich wird er die Inflationsprognose für dieses Jahr anheben und damit eine Erhöhung des Einlagensatzes um 25 Basispunkte auf 2,25 % rechtfertigen.
Der jüngste Anstieg der Euro-Teuerung auf 3,2 % dürfte den Inflationswarnern im Rat Rückenwind geben. Der Irankrieg setzt sich fort und der Ölpreis schwankt auf einem erhöhten Niveau. Zwar gibt es zwischenzeitlich immer wieder Signale, dass die Straße von Hormus in nächster Zeit wieder passierbar sein wird, doch bleibt fraglich, ob und wann dies tatsächlich der Fall sein wird. Mit jeder weiteren Verzögerung entfernt sich die Konjunktur aber vom Basisszenario der EZB.
Inflationsanstieg setzt EZB unter Druck
Derzeit dürfte bei den Notenbankern jedoch noch die Hoffnung überwiegen, dass es nicht mehr lange dauert. Es ist also durchaus möglich, dass EZB-Präsidentin Lagarde die erwartete Zinsanhebung in ihrer Pressekonferenz als geldpolitischen Absicherungsschritt und nicht als Beginn eines klassischen Zinserhöhungszyklus darstellt. Wenn sich die ungünstigen Alternativszenarien der EZB jedoch bewahrheiten und die Inflation in Richtung 4 % oder höher tendiert, werden vermutlich weitere Zinsanhebungen folgen.
Zu guter Letzt
Wenn Inflation und Leitzinsen weiter nach oben klettern, wäre das eine nachhaltige Bremse für Wirtschaft und Börse. Achten Sie also mehr denn je auf die hier erkennbaren Trends. Sollten Sie, geschätzte Anleger, in der vergangenen Woche die politischen Entwicklungen rund um den Globus intensiv verfolgt haben, so werden Sie wahrscheinlich meine Sorgen mit Blick auf die kommenden Monate teilen. Denn es gibt keine Region ohne Krisen und Konflikte, keine Hoffnung weckenden Signale für ein Ende der Kriege. Damit nicht genug: Denn auch national ist die Welt in Unordnung geraten. Unsere heimische Situation ist besorgniserweckend – nicht erst seit Enttäuschungen durch den UN-Sicherheitsrat.