05.04.19
Zu Beginn des zweiten Quartals sind die Börsen zum Spielfeld für besonders Mutige geworden. Denn mit Ausnahme der bekannten geldpolitischen Strategie von Fed und EZB sind alle relevanten Einflussfaktoren stark interpretationsbedürftig oder sogar spekulativ geworden. Das gilt nicht nur für die leidigen Themen Brexit und Handelskonflikt, sondern auch für die weltwirtschaftliche Einschätzung ganz allgemein. Jedenfalls sind die Aktienkurse bei uns mit ihrer Fortsetzung des Aufwärtstrends der aktuellen konjunkturellen Einschätzung vorausgeeilt.
Mitunter verändert sich die fundamentale Stimmungslage fast täglich, die Einschätzung der wirtschaftlichen Wachstumsperspektiven sind extrem wechselhaft. Geblieben ist die Beobachtung, dass Warnungen vor einer drohenden Rezession nur ganz vereinzelt publiziert werden. Die Pessimismus-Spirale vieler Kommentatoren hat sich angesichts der jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten offenbar in Wohlgefallen aufgelöst, heißt es im Wochenrückblick der Sentiment-Forscher an der Börse Frankfurt. Vor einer Woche hatte der ökonomische Chefberater des Weißen Hauses noch von der US-Notenbank eine sofortige Leitzinssenkung von 50 Basispunkten gefordert, als ob sich die dortige Wirtschaft kurz vor dem Abgrund befände. Nun ist alles anders gekommen.
Zwar sind die jüngsten globalen Wachstumseinschätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach wie vor pessimistisch geblieben, aber ein paar gute Zahlen aus den USA haben die Finanzmarktteilnehmer offensichtlich zum Umdenken gebracht. Zumal die vielerorts beobachtete Zinsstrukturkurve in den USA bezüglich ihres als besonders wichtig angesehenen Verhältnisses zwischen T-Bills mit dreimonatiger und Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit seit Wochenbeginn nicht mehr invertiert ist. Mit anderen Worten: Der Vorbote einer möglichen Rezession hat sich zumindest in den USA wieder zurückgezogen.
Allerdings scheinen die von Goldberg & Goldberg wöchentlich befragten institutionellen Marktteilnehmer mit mittelfristigem Handelshorizont vom jüngsten starken Anstieg des Dax fast unbeeindruckt zu sein. Denn der Börse Frankfurt Sentiment-Index hat gegenüber der Vorwoche gerade einmal um 4 Punkte auf einen Stand von +14 Punkte angezogen. Dabei ist bemerkenswert, dass der überraschend starke Anstieg des Börsenbarometers per Saldo nicht zu größeren Gewinnmitnahmen der Optimisten aus der Vorwoche geführt hat. Aber auch bei den Privatanlegern schien zumindest zum Befragungszeitpunkt noch ein gewisses Überraschungsmoment angesichts der positiven Dax-Entwicklung größere Gewinnmitnahmen verhindert zu haben. Denn der Börse Frankfurt Sentiment-Index dieses Panels bleibt gegenüber der Vorwoche unverändert bei +17, wobei sich die Polarisierung zwischen Bullen und Bären etwas erhöht hat.
Viel interessanter scheint indes, dass ein großer Teil der jüngsten Kursgewinne des Dax offenbar nicht auf heimische Nachfrage zurückzuführen ist. Gut möglich, dass langfristig orientierte Kapitalzuflüsse jetzt auch aus dem Ausland für die Kursentwicklung maßgeblich waren, nachdem noch vor zwei Wochen Aktien der Eurozone bei internationalen Fondsmanagern besonders unbeliebt waren. Der neue Optimismus der heimischen Akteure ist angesichts der Entwicklung des Dax vor allem in der relativen Sicht auf sechs Monate geradezu moderat. Und auch in der absoluten Betrachtung kann man keineswegs von Euphorie sprechen. Vielmehr dürfte vor allen Dingen bei den institutionellen Akteuren noch Kaufbedarf bestehen, vermuten die Verhaltensökonomen.
Dass der Sachverständigenrat seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr drastisch nach unten revidiert hat, ist keine Überraschung mehr. Doch gibt es auch Warnungen der Wissenschaftler, die nachdenklich stimmen können: Die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung sind derzeit sehr hoch. Neben dem unsicheren Ausgang der Brexit-Verhandlungen tragen hierzu insbesondere die ungelösten Handelskonflikte zwischen den Vereinigten Staaten, Europa und China sowie die Gefahr einer stärker als erwarteten Wachstumsabschwächung in China bei. Angesichts der bereits nachlassenden weltwirtschaftlichen Dynamik hätte eine Spirale aus protektionistischen Maßnahmen das Potenzial, die deutsche Wirtschaft in eine Rezession abgleiten zu lassen.
Wer trotz dieser Gemengelage jetzt seine Aktienpositionen weiter aufstocken möchte, sollte defensive Branchen und Einzelwerte favorisieren, die wenig konjunkturempfindlich sind. Außerdem würde ich internationale Mega-Themen wie Gesundheitswesen, Umweltschutz und Infrastruktur fokussieren.
Machen Sie also weiter mit – und machen Sie’s gut